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Samstag, 9. April 2011

On The Far Side Of East Africa...

Hermes, der Goetterbote., oder so aehnlich.




Ja , es klingt so als ob ich nur Reisen würde. Aber in letzter Zeit gab es nicht allzu viel Neues aus unserem Projekt zu berichten, weshalb jetzt direkt auf meinen letzten Reisebericht ein neuer folgt.
Es ist der 13.3.2011 und ich stehe am Flughafen in Dar Es Salaam auf dem Tansanischen Festland um meinen besten Freund Niki in Empfang zu nehmen, der von Berlin über Frankfurt, Addis Abeba nach Dar Es Salaam geflogen ist. 

Zwei Wochen liegen vor uns in denen wir uns vorgenommen haben, die Weite Tansanias zu durchqueren um nach Ruanda zu gelangen. Eine weite Reise. Und eine ungeplante Reise.
Einerseits wusste ich zuerst eine Woche vorher überhaupt Bescheid ob Niki kommt und andererseits ist es nahezu unmöglich hier ein Reise wirklich zu planen und außerdem war mir das sowieso zu viel Stress. 
Da lang!

Also ging es am nächsten Morgen (Montag der 14.3.)um 6 Uhr mit einem Bus von Mohammed Trans über Morogoro und die tansanische Hauptstadt Dodoma nach Singida in Zentral-Tansania.
In Singida wurden wir auch schon erwartet von einer anderen Freiwilligen namens Lara die ich auf Sanisbar früher kennengelernt hatte. Die Nacht verbrachten wir bei einem Priester und dem Mentor von anderen Freiwilligen, der sein Wohnzimmer (mit X-Box eines Freiwilligen ausgestattet) mit Unmengen von schrecklich kitschigen Heiligenbildern in grellen Farben tapeziert hatte. Besonders stach ein „Schrein“ aus einer Styropor Verpackung mit einer goldenen Plastik-Weihnachts-Girlande umrandet hervor, der in seinem Inneren ein Bildnis Jesu beherbergte.
Am nächsten Tag besichtigten wir darauf mit Lara große granitene Felsformationen die überall in der Landschaft um Singida wie aus dem All herabgefallene Findlinge bizarre „Steinhaufen“ bilden. Auf eine am salzenen Lake Singida liegende Formation kletterten wir also hinauf und genossen die Aussicht und sonnten uns. 

Keine gute Idee – das Sonnen. Auch wenn unfreiwillig zogen wir uns all drei anschauliche Sonnenbrände zu. Besonders Niki der aus der sonnengemiedenen und kalten Nordhalbkugel zu uns kam, hatte noch eine lange Zeit mit seiner sich schälenden Nase zu kämpfen. 


Wie ging das nochmal mit der Schule..?
 Am Abend ging es dann weiter nach Iguguno, einem kleinen Ort in dem Lara mit einer weiteren Freiwilligen namens Claudia in einer halbmuslimisch halbchristlichen Gastfamilie lebt. Nach einem köstlichen Abendessen und einer Nacht mit sintflutartigem Regen (es ist gerade Regenzeit in Tansania) ging es dann am nächsten Morgen mit in den Englisch Unterricht von Claudia. Nein, nicht sie bekommt Unterricht sondern sie unterrichtet. Und zwar 100 Kinder. 

Als wir in die Klasse kamen und Claudia fragte neben wen sich den die zwei Weißen setzen könnten stachen Unmengen von in blaue Schuluniformen gehüllte Kinderarme in die Luft. Also saßen wir die nächste Unterrichtsstunde auf zu kleinen Bänken in einer zu vollen Klasse und  l e r n t e n  sogar was. Nämlich ein par Sachen über das englische Passiv , die ich schon wieder halb vergessen hatte. Ob jedoch der Rest auch soviel lernte bleibt fraglich. Nach dem Pausengong unternahmen wir einen kurzen obligatorischen Besuch beim Headmaster (-Autoritäten wahren-) , der zu meiner großen Ablenkung von unserem Gespräch, ein Poster mit dem Titel „African Leaders“ über seinem Schreibtisch prangen hatte, das sämtlich Staatschefs Afrikas auch solche prähistorischen wie Mubarak, Ben Ali aber auch „Oberst Gaddafi“ (zukünftig prähistorisch) ablichtete und in mir das heimliche Verlangen erweckte einen Rotstift zu nehmen und wie auf ehemaligen RAF-Plakaten dicke fette rote Kreuze über so manches  Gesichter zu ziehen.  


Warten und nochmals warten auf den Bus...
 Nach diesem wirklich interessantem Schulbesuch (Morgenappel mit Nationalhymne und einer kleinere Prügelstrafe inbegriffen) machten wir uns auch schon auf den Weg unseren nächsten Bus in Singida zu erwischen. 

Zwar stand auf unseren Tickets 11:30 reporting time und angeblich 14:00 Abfahrt doch wir mussten noch bis halb fünf am Busbahnhof rumgammeln bis ein lilafarbiger und gammeliger Bus vor uns zum Halten kam. Taqwa, 36 Stunden von Dar Es Salaam über Singida (unteranderem) nach Kigali der Hauptstadt Ruandas. 

Oh mein Gott, die Unendlich Reise begann. Doch wir hatten Glück und unsere Reise wurde versüßt da im Bus zwei (weibliche) deutsche Freiwillige saßen mit denen wir auch schnell ins Gespräch kamen. 

So hier kommt jetzt ein Einschub: Tansania ist ein präferiertes Einsatzland für deutsche Weltwärts-Freiwillige. Es sind ca. um die 300 langfristig im Land bleibende Freiwillige (also wie ich) in Tansania. In Ruanda dem kleinen Nachbarland Tansanias noch dazu um die 50 weitere. Das heißt, das nahezu Jeder Jeden kennt. Einschub Ende.

Mit Sophie und Ronja hatten wir nahezu unmögliche Reiseübereinstimmungen. Ich kam mir schon fast vor wie Faber im Roman „Homo Faber“ von Max Frisch der auf seiner halben Weltreise von einem in den anderen Zufall gerät. Die Welt ist klein. Noch kleiner die Freiwilligen Community in Ost-Afrika. Wie gesagt waren wir auf dem Weg nach Ruanda um dort zwei Mädchen zu treffen, die ich im Dezember in Zanzibar kennengelernt hatte. Jella und Sarah wollten wir in Gisenji am Kivusee treffen, wo sie gerade zu Besuch bei anderen Freiwilligen waren. Wie sich herausstellte waren die zwei Freiwillige die wir im Bus kennenlernten niemand geringeres als die Bewohner eines Hauses in Gisenji am Kivu-See bei deren zwei anderen Mitbewohnern gerade Jella und Sarah zu Besuch waren. Kurz um, wir trafen auf unsere Gastgeberinnen für die nächsten Tage irgendwo in Zentral Tansania einen Tag von Kigali entfernt und rafften zuerst garnicht wer der jeweils andere war und das wir die nächsten Tage mit einander verbringen würden. Zufall! 

Die Nacht verbrachten wir nach rund 6 Stunden Fahrt  auf ungemütlichen Bussitzen im nicht nennenswerten Transitstädtchen Kahama , wo der Bus die Nacht parkte , da es auf der noch folgenden Strecke in letzter Zeit vermehrt zu brutalen nächtlichen Überfällen auf Reisebussen gekommen war. 


Wir auf der Grenzbruecke zwischen Tansania und Ruanda.
Hintergrund: Wasserfall.
 Gegen mittags des nächsten Tages (Donnerstag) erreichten wir endlich die ruandische Grenze. Wie ein kleines Kind freute ich mich endlich Ruanda zu betreten, da ich diesen Entschluss schon viele Monate vorher gefasst hatte.  Warum Ruanda? Erstmal sagen viele Ruanda sei das schönste Land Afrikas und zweitens interessierte mich besonders wie eine Gesellschaft die noch 1994 ein unbeschreiblichen Genozid erlebte in dem in rund 100 Tagen circa eine millionen Menschen in ermordet wurden sich heutzutage verhält und wie es sich in Ruanda mit der boomenden Gesellschaft die sich zu einer Dienstleistungsgesellschaft entwickelt verhält. Und jetzt stand ich auf der Brücke die über einem tobendem rotbraunem Wasserfall schwebt und die Verbindung zwischen Tansania und Ruanda ist. Auf nach Ruanda. Noch ein paar Stempel im Pass und weiter geht’s!


Kigali, die Hauptstadt Ruandas.
 In Kigali angekommen, schnappte sich jeder ein Motorrad-Taxi und wir fuhren den Steilen Berghang Kigalis zu seiner Kuppe und seiner „Downtown“ hinauf. Kigali (ca. 1654 m. ü. M.), dass mich mit seinen steilen und sauberen Straßen an San Francisco erinnerte forderte jedoch sofort sein erstes Opfer. Und zwar meine rechte Wade die ich mir nach meinem ersten Motorrad-Ride beim Absteigen am Auspuff verbrannte. 

Über die Nacht kamen wir bei Carli (wiederum ein Freiwilliger den ich in Zanzibar kennengelernt hatte)in einer sehr lebhaften 4 Männer WG unter um dann am nächsten Morgen wieder aufzubrechen um uns die Genozid-Gedenkstätte in Kigali anzusehen, die Mehre tausend Tote beherbergt und ein sehr bewegendes und innovatives Museum hat. 

Noch am selben Tag ging es durch die hügelig bis bergige Landschaft  Ruandas weiter Richtung Gisenji , der Grenzstadt zum Kongo. 

Ueber dem Kongo geht die Sonne unter.


Dort wurden wir herzlich willkommen geheißen in einer WG die aus allen Nähten zu platzen schien. Das normalerweise von 4 Leuten bewohnte Haus am Kivu-See beherbergte bereits zwei Gäste aus Deutschland einen Australischen Backpacker und nun uns zwei. Hier verbrachten wir die nächsten Tage. Und wollten uns eigentlich immer aufraffen weiter zu ziehen doch die Landschaft, die 4 Mädels und (zumindest für mich) das westliche Ambiente schob unsere Reise immer weiter hinaus. 

Das Haus am See. The place to be!
Das Haus am See. Eine kleine Residenz wie sie für Freiwillige definitiv nicht üblich ist. Mit schönem kleinen Garten und einer Grundstücksgrenze die direkt an den See grenzt, so das man direkt in den See steigen kann, war wie der Inbegriff eines Traums am Ende meines Horizontes. Schließlich waren auf der anderen Seite des Sees dunkle Gebirge zu erkennen hinter denen entweder die Sonne unterging oder über denen ein Gewitter tobte die Grenzmarken der „Demokratischen“ Republik Kongo, von dem man nahezu nur Schlechtes hört und für den wir ein absolutes Einreiseverbot haben.

In meinen naiven Gedanken stand ich also am Ende der Welt wie ich sie kenne, was so banal es auch klingt etwas Existenzielles hatte aber auch einen gewissen Reiz auslöste die Grenze zu überschreiten. Aber ich will keine Elends-Safari machen nur um einen Stempel im Pass vorzeigen zu können, der verkündet das ich auch wieder ausgereist bin. Das wäre doch zu obszön. Doch der Reiz war da.

Ahoi! Auf dem Kivu-See. Ich auf Ausschau nach
einem Methan-Blowout!
In Gisenji besichtigten wir heiße Quellen, wanderten die wunderschöne grüne Küste entlang, machten einen Ausflug nach Ruhengeri (da starten die berühmten Gorilla-Safaris die kein Schwein bezahlen kann) wunderten uns über eine Brauerei die für ganz Ruanda nahezu alle Getränke herstellt (Guinness (!), Heineken, alle drei ruandischen Biere, und sämtliche Cola-Produkte) und zwar alles in einer Brauerei und wir paddelten ein paar mal mit einem Einbaum auf dem See herum.

Besonders lustig war als wir samstags feiern waren und wir auf dem Rückweg dann mit neun (!) Motorrad-Taxis nach Hause rasten und ich mir vorkam wie auf Betriebsausflug der Hells-Angels Ruanda als sich unsere Fahrer gegenseitig die steile und kurvige Küsten-Straße hinauf jagten. Ja Mama, ich habe es überlebt. 

Der Kivu-See kurz vor einem Gewitter.
Nach einem sehr schweren Abschied ging es dann am Mittwoch den 23.3 über Kigali wieder Richtung Tansania. Nach einer Reise von zwei Tagen mit Übernachtung in Kahama weil wir den Anschlussbus um eine halbe Stunde verpasst hatten, ging es weiter nach Mwanza. 

Mwanza. Im Hintergrund der riesige (Bilharziose-verseuchte) Victoriasee.
In Mwanza der zweitgrößten Stadt Tansanias am legendären Victoriasee aus dem sich unteranderem auch der Nil speist wurden wir von Till und Kornelius erwartet, die mit mir als DTP-Freiwillige in Tansania sind und für einen Solarladen arbeiten, der zu meinem Erstaunen ein wahnsinniges Verkaufsvolumen hat, von dem aus sie unterschiedliche Projekte starten.

Eine kleine Stadttour  später, bei der es nicht besonders viel zu sehen gab außer einer Felsformation im Lake Victoria die nach Otto von Bismarck „Bismarck Rock“ heißen und einen Hauch von sonst vergessener deutscher Kolonialgeschichte aufsteigen lassen, aßen wir noch eine Pizza und fuhren zu Till und Kornelius‘ Container. Ja, genau: Container. Die zwei – auch wenn sie am See wohnen- haben kein Haus am See sondern lediglich zwei zusammengestellte Container mit Küche und Bad. Eigentlich ziemlich cool, aber schon lustig. 8 Mile of Mwanza! 

Abends in einer Bar am See gab es dann noch ein mystisches Spektakel zu sehen. Der ganze See funkelte. Überall auf der Oberfläche glühten kleine Sterne, die sich nach Erklärung der zwei als Fischerboote herausstellten. Im Victoriasee wird ein kleiner Fisch – Dagaa – gefangen und um diesen anzulocken benutzen die Fischer Kerosinlampen die nachts auf dem See funkeln. Außerdem ist ein Projekt der zwei die teuren und gefährlichen Kerosinlampen der Fischer durch Solarlampen zu ersetzen.


Der Horror - Coach
 Am Samstagmorgen mussten wir mal wieder um 4 Uhr morgens raus um unseren Bus zu unserem letzten Etappenziel Arusha zu bekommen. Eigentlich wollten wir einen Bus durch die Serengeti nehmen doch wir fanden keinen Busanbieter in Arusha weil viele meinten in der Regenzeit fahren sie nicht durch die Serengeti wegen zu schlammigen Pisten. Also dann eben nicht. Außerdem sparten wir uns damit die teuren 50 $ Parkgebühr pro Kopf die sich bei einem einfachen Durchqueren durch den Park ohne Anzuhalten wohl nur bedingt gelohnt hätten. Also ging unsere Route jetzt durch den Süden um die großen Gameparks herum. 

Es folgte die schrecklichste Busfahrt meines Lebens! Wollte ich mich beim Mittagsstop in Singida noch beim Busfahrer beschweren, da er mit kaum verringerter Geschwindigkeit über jeden Speedbump raste der ihm unter die Achsen kam und uns zwei , die wir in der vorletzten Reihe hinten saßen, wo die Hebelwirkung einen besonders hochschleudert, jedes mal in die Luft katapultierte, sollte mir nach Singida erst das wahre Grauen blühen.

Mit überteuerten (2000 TSH – Wichser!) Raststätten-Chipsi Kavu im Magen begann der Höhlentrip. Hinter Singida ist die Straße nicht mehr befestigt, beziehungsweise wird gerade neu gebaut, was heißt das der Bus durch ein gefühlte 2 Meter Löcher nach dem anderen rast. Es war das Fegefeuer und es ging drei Stunden und 15 Minuten lang. Es ging durch eine schöne Landschaft dir ich aber leider nicht vor meinen Augen besonders scharf stellen konnte, denn sobald ich einen Fixpunkt hatte versank der Bus auch schon in einem Schlagloch um wie von der Tarantel gestochen wieder daraus hervorzuschießen. Nach einer Weile hatte ich die beste Sitzposition heraus. Ich drückte mich mit ganzer Kraft in meinen Sitz damit ich die derben Bewegungen des Busses mitmachte um nicht immer wieder in die Luft geschleudert zu werden um danach mit Ach und Krach auf meinen harten Sitz hinabzustürzen. Musikhören hatte ich zu diesem Zeitpunkt sowieso schon aufgegeben, da immer wieder bei größeren Bocksprüngen mein MP3-Player ausging. Mist! Besonders mies ist es wenn zwei Schlaglöcher auf einander folgen. Das bewirkt dann, das man bei Loch 1 in die Luft geschleudert wird und im freien Fall zwischen Decke und Sitz Loch 2 das Heck des Busses ein weiteres Mal in die Luft schmeißt so dass es wie ein Schlag auf den Hintern einen mit voller Wucht im vermeintlich „freien“ Fall wieder wegschlägt wie ein Baseballbat den Baseball. Einmal als ich gerade telefoniert hatte und mich noch nicht wieder festhielt schleuderte ein heimtückisches Schlagloch (jetzt verstehe ich auch die Etymologie des Begriffes SCHLAGloch) mich rund 50 Zentimeter hoch so das ich mir an einer Metallkante der Gepäckanlage über mir eine riesen Beule am Schädel zuzog, die laut Niki sogar ein wenig blutete. Gut das ich hinten und der Fahrer vorne saß und ich einen Weg durch den Gang zu ihm wohl sowieso nicht überlebt hätte. Achja da fällt mir ein: Anschnallgurte gibt es außerdem sowieso nicht.

Da war das Moto-Taxi in Kigali schon lustiger


Irgendwann schafften wir es sogar noch auf eine richtige Teerstraße und die Speedbumps hatten auf einmal eine erlösende Zärte im Vergleich zu der zurückliegenden düsteren Etappe meines Lebens. Auch das Mädchen neben mir machte einen erleichterten Eindrück hatte sie sich ja auch die restliche Fahrt über diskret in ihren Kanga (Stoff den Frauen tragen) erbrochen. 

Als wir endlich in Arusha bei Tami und Georg ankamen, wieder Freiwillige meiner Organisation der DTP, kam ich mir vor wie ein Kreuzfahrer mit Kreuzschmerzen der nach jahrelanger Reise Jerusalem erreicht. Naja zumindest fast. Abends ging es dann sogar noch weg. Und nach einem unendlich langen Tag an dem Niki und ich über 24 Stunden wach waren ging es dann im Morgendämmern ins Bett. 

Am Sonntagmorgen während die Gastfamilie Tamis und Georgs in der Kirche war, saßen wir im Wohnzimmer und tranken noch ganz kaputt unseren Morgentee als ein Angestellter der Familie der sich um die Kühe kümmern soll, die Chance ergriff und sich auf der Couchlehne sitzend Pornos auf dem Fernseher ansah. Eine bizarre Situation! Und zum Schreien komisch, als er dann als die Familienmutter ins Zimmer kam so tat als hätte er nicht Ferngesehen und in Sekundenschnelle den Fernseher ausschaltete. 

Den Rest des Tages besichtigten wir Arusha das vom mächtigen Mt. Meru (4.562 m. ü. M.) überschattet wird. Eigentlich wollten wir noch in das Ruanda Tribunal der UN das in Arusha seinen Sitz hat und von dort aus die Nürnberger Prozesses des Ruanda-Genozids leitet, jedoch war es am Sonntag geschlossen. Schade, nach unserem Besuch in Ruanda hätte mich das auf jeden Fall sehr interessiert, besonders weil man live  Verhandlungen mit den „Génocidaires“ (wie man in Ruanda sagt) beisitzen kann. 

Am Montag also ging es dann zurück nach Dar Es Salaam, das wir nach rund 10 Stunden Fahrt relativ fix erreichten und noch dazu in einem Luxusbus mit weichen Sitzen und zurückklappbaren Lehnen so dass man doch auch ein wenig schlafen konnte. 

Der hoechste Berg Afrikas: Der Kilimanjaro

In Dar Es Salaam ging es dann abends zu meiner besonders großen Freude noch ins Kino (Ostafrikas Größte Leinwand!!!) in den Film „Black Swan“, der mir ausgesprochen gut gefiel. Ich war nur äußerst verwirrt als ich den Kinosaal verließ und nicht in meiner kühlen deutschen Heimatstadt auf einer verregneten Straße stand und nach der nächsten Dönerbude Ausschau halten konnte, sondern mitten in der Millionen Metropole in Dar Es Salaam die alles andere als kühl war. Der Kinosaal sah einfach aus wie in Deutschland. Lustiges Gefühl kurz weg gewesen zu sein. 

Fazit:

Alles in allem eine sehr gelungene Reise mit der ich sehr zufrieden bin. Zwar hätte ich gerne noch ein anderes Land der East African Community (EA) gesehen aber man kann nicht alles haben. Besonders kann ich Ruanda empfehlen, das mit seinen sauberen Straßen, die teils sauberer sind als in Deutschland beispielsweise, einen absoluten Kontrast zu Tansania bietet. Auch der „Wohlstand“ Ruandas den man im Vergleich zu Tansania zu erkennen glaubt, ist interessant. Besonders beeindruckt haben mich in Kigali das die baulichen Trennungen zwischen den Fahrspuren der Straße akkurat nagelscherenhaft-getrimmten Rasen aufzuweisen hatten und alle paar Meter sich eine gepflegte Palme erhob. Man vergleiche dies mit Dar Es Salaam! Des Weiteren ist die Landschaft Ruandas umwerfend. Die grünen und fruchtbaren Hänge dieses Landes der Tausend Hügel sind bis an den Gipfel mit Feldern bestückt, die zu beackern an ein Kunststück grenzt. Außerdem war auch das Klima mit seiner Kälte –immerhin ist Ruanda durchschnittlich auf einer Höhe von 1500 Meter gelegen- mal wieder echt angenehm. Und zuletzt sind auch Ruandas gesellschaftlichen Normen interessant bis befremdend. Es ist verpönt auf der Straße und in der Öffentlichkeit zu essen, da man sich damit über die die nichts zu Essen haben, lustig macht. Das Selbe gilt für barfuß laufen und dreckige kaputte Kleider tragen. Dies wird als Affront gegenüber Menschen ohne Kleider und Schuhe aufgefasst. 


War doch alles freshi! Niki und Ich in Ruhengeri in Ruanda

Also jetzt wieder rein ins trübe nebensaisonales Alltagsleben des jetzt auf einmal besonders kleinen Zanzibar =)




Dienstag, 8. Februar 2011

Safari - auf Reise

Oh je. Da hat man sich circa 4 Monate lang nicht gesehen und hat in ganz unterschiedlichen Kulturen die letzten Monate verbracht und will dann knapp einen Monat mit einander Zeit verbringen? Meine Zweifel waren zuerst groß: Will ich überhaupt , dass meine Eltern und meine kleine Schwester mich hier in meinem neuen zu Hause in Zanzibar besuchen kommen?  Nein, zuerst wollte ich es nicht.

Meine Angst , aus der Kultur hier wieder rausgehauen zu werden und nach der Abreise meiner Familie in eine Phase des Heimwehs nach Deutschland (und nach dem Zanzibar davor) zu fallen, hat sich nicht bestätigt. Auch wollte ich ursprünglich dieses Jahr ganz allleine durchziehen und aus Mami's Schoß abhauen, und mir was eigenes aufbauen. So weit ich dass jetzt nach 5 Monaten sagen kann, habe ich das auch geschafft und der Besuch meiner Eltern hat mich nicht daran gehindert.

Rückblick:
Am 22. 12. 2010 ist meine Familie in Dar Es Salaam trotz verschneiter Flughäfen in Deutschland gelandet um sich einem Klimaschock und 40 ° C Temperaturunterschied auszusetzen. Nach dem Übersetzen per Fähre nach Zanzibar , erwartete ich sie auch schon am Hafentor von Zanzibar Stone Town. Ein verrückter Moment! So in einer anderen Kultur zustecken und dann auf einmal seine Familie , das Symbol der Kultur die man wie ein saisonalen Wintermantel vorrübergehend abgelegt hat, mitten in der neuen Kultur Zanzibars stehen zu sehen. Aber natürlich war die Freude groß - auf beiden Seiten!

Es folgten ein paar Tage am Strand im Süden Zanzibars in Bwejuu und eine (korallensand-)weiße Weihnacht. Am 28.12 dann ging es nach Arusha im Norden des tansanischen Festlands zu Füßen des Kilimanjaros. Von dort brachen wir am darauffolgenden Tag auf . Wohin? Auf Safari ! Mit einem Safari-Auto , einem Koch und einem supernetten Guide und Fahrer (Bilal) sowie einer Menge Gepäck und essbaren Köstlichkeiten wie original Philadelphia - Frischkäse (10 000 TSH = ca. 5 € ; Deutsches Exportprodukt , importiert über einen arabischen Zwischenhändler) ging es also los.

Den ersten Tag stand der kleine Game-Park Manyara auf dem Programm mit Übernachtung auf einem Campingplatz im Ort Mto wa Mbu (Kisw.: Fluss der Fliegen) . Am nächsten Tag passierten wir das Tor des Ngorongoro-Crater National Parks , hinterdessen Gate, wild und urwaldartig bewachsene Hänge mit prähistorischem Flair lockten. Wie ein Tor in eine andere Welt und Zeit erschien es mir. Während wir also durch den Wald den James Camerons Creative-Team von Avatar zu erschaffen haben schien fuhren sank je zurückgelegten Meter rote huckelige Sandpiste die Temperatur. Mich begann es zu frieren , Temperaturen unter 25 ° C war ich nicht mehr gewohnt. Auf der Kuppe, dem Kraterrand des Ngorongoro-Vulkankraters angekommen, offenbarte sich ein biblisches Bild , einer von steilen Hängen umgebenen Ebene , die nahezu komplett mit nichts als Gras bewachsen ist und in dessen Kratersee sich die Sonne so spiegelte, das er aussah wie eine riesige beschienene Spiegelscherbe.

Am Grab von den Serengeti-Pionieren Grzmek vorbei ging es den Kraterrand vorbei und auf der anderen Seite wieder herab gen Serengeti. Der Abstieg vom gut 2500 Meter hohen Kraterrand gen Steppe, verlor nun auch das letzte bisschen irdisches. Unser Jeep kämpfte sich auf einer ewigen Sandpiste durch eine Landschaft die in ihrer Weite und Kargheit und ihren ununterbrochenen geschmeidigen Linien wenig einem irdischen Platz ähnelte. Weit und breit kein Baum kein Stein, nur Gras und weiche Übergänge von Berghang zu Ebene zu Berghang. Dazwischen , wie aus einer anderen Zeit weideten riesige Herden von Gnus und Kühen die von den dortansässigen Masaai domestiziert werden. Die einzelnen Rundsiedlungen die sich von der Landschaft absetzten waren neben der Straße die die Landschaft zerschnitt das einzige Zeichen der menschlichen Existenz. Doch das Bild trügt. Die einzelnen Masai -Siedlungen sind teilweise nur in Nähe der Straße gebaut um für Touristen , die dann zu Hause neunmalklug erzählen , dass sie das "wahre"  Afrika gesehen haben , eine weitere Attraktion zu bieten. Der Kontrast , bei dem man nicht weiß ob man lachen oder weinen soll, wird umso krasser wenn mehrere Große Safari-Jeeps vor den kleinen Zäunen der Siedlungen parken und wie Raubtiere die Siedlung umzingeln. Doch die Tore öffnen sich für die mit Ray-Ban-Sonnenbrillen und Canon-DSLR-Kameras ausgestatteten Touristen die sich die Siedlung zu Gemüte führen. [Das Thema des Kulturausverkaufs soll hier nicht weiter erörtert werden, vielleicht in einem weiteren Artikel] Völkerschau stand nicht auf unserem Programm weiter ging es also in die Serengeti.

Nachmittags auf der Dik Dik-Campsite angekommen, ging es noch auf eine kurze Schnupperfahrt durch die unendlich Weite der Serengeti. Es folgten weitere zwei Tage Tiere suchen in der Serengeti. Einer wahnsinnigen Landschaft in der man an Stellen bis zum Horizont blicken kann ohne  einen einzigen baum oder Felsen zu sehen. Unendlich Weite. Die ewigen Jagdgründe wenn man in kitschigen Metaphern sprechen will, dennoch ein passender Begriff da man zu meiner großen Erstaunung kaum 10 Minuten ohne irgend ein Tier wie Gnu, Zebra, Gazelle, Elephant, Hyäne, Dik Dik, Nilpferd, Affe, Giraffe, Löwe, Gepard, Leopard , Geier oder Krokodil (in absteigender Häufigkeit) verbrachte.

Abends wenn die Sonne unterging und man vom uneingezäunten Campingplatz in die Weite der (hier) mit Schirmakazien gespickten Steppe sah konnte man Hyänen und Elephanten zusehen bis sie von der Dunkelheit verschluckt wurden. Wer an Afrika denkt , denkt an ein Klischee, denkt an Hitze, denkt wohl meist an die Serengeti. Er täuscht sich. Erstens ist Afrika so vielfältig das man es kaum mit einem Begriff wie "Afrika" beschreiben kann und desweiteren ist die Serengeti teils arschkalt. Ich habe die meiste Zeit gefroren außer die Sonne hat mal richtig stark geschienen.

Ein weiteres Erlebnis ist noch erwähnenswert, so traf ich nämlich mitten in der Serengeti auf meinem Campingplatz zufällig Loulou , eine Freundin aus Baden-Baden, nach dazu an Sylvester. Nach einem Gespräch mit ihr und ihrer Familie, sahs ich nun alleine vor meinem Zelt mit Blick auf die Serengeti und wartete alleine (alle anderen waren schon im Bett)  das das neue Jahr anbrechen würde. Es kam und mit ihm kam aus dem Gebüsch ein Rascheln und als ich meine Taschenlampe auf das rascheln richtete floh eine in den lichtkegel gerückte Hyäne vor mir davon. Was für ein Sylvester.

Am vorletzten tag unserer Safari schlugen wir unser Lager am Kraterrand des Ngorongoro auf und fuhren am nächsten Tag in steilen Serpentinen dem Kraterboden entgegen. Eine wahnsinnige Landschaft umgeben von einer Mauer aus Gebirge in deren Mitte sich Unmengen von Tieren tummeln. Wovon ich nur die Flamingoschwärme im Kratersee nennen möchte die sich von der Serengeti abhoben. Des Weiteren konnten wir auch eines der seltenen Nashörner sehen, wenn acuh so weit entfernt, das es kaum zählen kann.

Nach einem beeindruckenden Aufstieg aus dem Krater den der Jeep nur mit Allradantrieb vollführen konnte ging es auch schon wieder zurück nach Arusha.

Nachdem ich eine Woche auf dem Zwischenseminar in Bagamoyo gewesen war, zeigte ich meiner Familie also noch Stone Town und meine Gastfamilie, bei der es ein köstliches Abendessen gab, das mich besonders beglückte da der Zusammenprall meiner zwei aktuell existierenden Welten Europa und Zanzibar kein Zusammenprall sondern eine schöne Symbose war und ich froh war beide Familien einanderbekannt gemacht zu haben. Am 12.01.2011 also brach meine Familie wieder auf ins eisige Deutschland und ich war froh nach vier schönen und anstrengenden Wochen endlich wieder in meiner sansibarischen Familie anzukommen und mir eine Privatspähre und Zeit für mich zu gönnen.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

40 ° C Fieber

Am Samstag den 14.November bin ich nachts aufgewacht mit schrecklichen Kopfschmerzen,Schwindel,leichter Übelkeit,Durchfall und Fieber. Am nächsten morgen habe ich dann erstmal Fieber gemessen und als die LCD Anzeige stolze 40,1 ° C anzeigte bin ich gleich in die Stadt gerast um eine Klinik aufzusuchen. 

3 Tage lang lag ich darauf dann in der Zanzibar Medical Group Clinic bis ich es nicht mehr aushielt. Zanzibar hat keine wirkliche medizinische Versorgung und meine "Ärzte" in der Klinik haben sich zwar liebevoll um mich gekümmert hatten aber nicht die Geräte, Labors und das Wissen um eine wirkliche Diagnose zu stellen. Nachdem dann nachts auch noch eine der vielen Infusionsnadeln die Lösung nicht mehr in meine Vene sondern in mein Gewebe fließen lies, so dass meine Hand 2 Stunden lang schmerzhaft anschwoll und ich meine Armbänder durchschneiden musste und meine Finger nicht mehr bewegen konnte, lies ich mich von meiner Versicherung am nächsten Morgen nach Dar es Salaam aufs tansanische Festland verlegen.

Am Donnerstag um 10:00 Uhr ließ ich mich also vom Accountant Manager der "Klinik" in einem klapprigen Auto zum sansibarischen Flughafen fahren. Dort angekommen hatte meine Versicherung bereits alles organisiert: Ein extra Mediback Flugzeug mit 2 Sanitätern landete auf dem Airport um mich abzuholen. Alles ziemlich dramatisch und ich kam mir etwas hysterisch vor, da es mir an diesem Morgen eigentlich schon wieder ganz gut ging. Auf jeden Fall stürmten die zwei Sanitäter wie unter Kreuzfeuer des Vietcong in Vietnam über das Rollfeld um mich abzuholen. Das kam mir alles sehr übertrieben vor. Aber ich muss auch zu geben, dass ich meiner Versicherung meinen Zustand als sehr schlecht beschrieben habe, damit die endlich in die Potte kommen, da sie sich zuerst ein wenig gesträubt hatten.

Wie auch immer hob mein "Privatflugzeug" mit mir, 2 tansanischen Sanis und einem weißen Piloten nach nur knappen 5 Minuten wieder ab. Lustig war, dass der neue sansibarische Präsident Dr. Shein kurz vor meinem Flugzeug auf dem Rollfeld mit seinem nagelneuen weißen Mercedez angerollt war und mit einem regulären Linienflug nach Dar Es Salaam erst nach mir abhieb. Ich kam mir sehr wichtig vor, wie ich da so mit Luftzufuhr-Schlauch in der Nase und Blutdruckmesser am Finger im Fluzeug sahs und Zanzibar unter mir kleiner wurde und sich vor mir das weite Meer mit seinen türkisenen Korallenriffen auftat. Eine wunderbare Aussicht!

20 Minuten später in Dar gelandet für auch schon der Krankenwagen auf dem Rollfeld vor um mich direkt in die IST Clinic Dar Es Salaam z bringen. Mit Blaulicht bahnte sich der Krankenwagen also seinen Weg durch den schrecklichen Verkehr Dar Es Salaams um mich in einer kleinen Klinik (eher größere Arztpraxis) aber mit europäischem Standard abzusetzten. Zwei Tage war ich dann in der IST Clinic und genoss das Gefühl in der Hand von fähigen Ärzten zu sein. Die Krankenschwestern sprachen perfektes Englisch und eine Schwester sprach sogar ganz gutes Deutsch, da sie in München mal eine Fortbildung gemacht hatte. Die Ärzte -allesamt Europäerinnen- waren nach den Ärzten in Zanzibar ein echter Aufschwung. Das mag rassistisch anmuten aber leider ist es immer noch so, dass tansanische und sansibarische Ärzte hier eine zu schlechte Ausbildung erhalten und Eurpäern um Längen hinterherhängen.

Nach 2 Tagen war ich nun endlich wieder wohl auf und ein Tag später wieder fit genug um nach Hause nach Zanzibar zurückzukehren. Meine Diagnose muss aber noch warten, da meine Blutproben noch auf dem Weg nach Holland zur Untersuchung unterwegs sind.

Samstag, 20. November 2010

50,1 Prozent !

Dieser Artikel erscheint stark verspätet unteranderem weil ich krank war/ bin. Ich bitte um Nachsicht


Neuer sansibarischer Präsident. Quelle: ccmmarekani.blogspot.com/
Rund drei Wochen nach den Wahlen scheint sich Zanzibar wieder zu normalisieren. Zwar hängen noch über nahezu allen Straßen Banner aus vergangenen Zeiten des Wahlkampfs, doch sie scheinen ein Relikt der alten Ordnung zu sein. Alte Ordnung? Das klingt och verdächtig nach Unordnung und Gewalt werden jetzt manche denken doch sie täuschen sich. Es scheint das gerade diese alte "Ordnung" dahin ist.
Das teilautonome Zanzibar, dass am 30. Oktober eine neue Regierung und einen neuen Präsidenten wählte hat nur zwei Tage auf sein langangefiebertes Wahlergebnis warten müssen. Am Dienstag den zweiten November wurde dann das Ergebnis verkündet, für viele kein unerwartetes Ergebnis für das im Wahlkampf  hartumkämpfte Zanzibar, doch für manche vielleicht auch ein lächerliches Ergebnis. Die seit der ersten demokratischen Wahl regierende Chama Cha Mapinduzi hat wieder einmal gewonnen und zwar mit knappen 50,1 Prozent aller Wählerstimmen die Civic United Front (CUF) hat als Oppositionspartei mit 49,1 ein ungleich schlechteres Ergebnis eingefahren.

Noch vor 5 Jahren bei den letzten Wahlen erkannte die CUF das Ergebnis nicht an und Zanzibar Town wurde zum Schlachtfeld zwischen CUF und regierungstreuen Gruppen. Es gab etliche Verletzte und auch Tote. Doch dieses mal scheint alles anders zu sein. Zanzibar ist friedlich, das Aufgebot an Sicherheitskräften und Militär hat sich stark reduziert im Verglecih zu den letzten Wahlen und es kam zu keinen mir bekannten Zusammenstößen und Unregelmäßigkeiten zwischen CUF, CCM und Polizei. Ein Novum in Zanzibars Geschichte! Doch wie kam es dazu?

Im Juli 2010 schritt das Volk Zanzibars bereits zu einer Wahl.  Schon immer leisten sich CUF und CCM auf Zanzibar ein Kopf um Kopf - Rennen.  Und auch dieses Mal schien is darauf hinauszulaufen. Ein paar kluge Köpfe im Parlament erkannten dieses Mal jedoch, dass es eine verfassungstechnische Möglichkeit gibt dieses Mal Konflikte klein zu halten. Also schritt Zanzibar im Juli  zur Abstimmung und entschied, dass CCM und CUF nach der Wahl -egal bei welchem Ergebnis- gemeinsam als (sehr) große Koalition zusammen reagieren sollten. Die stärkste Partei stellt den Präsident. Mit diesem, in meinem Verständnis höchst demokratischen Schritt,  zeigte sich, dass man lieber "salama" (Frieden) als den absoluten Sieg der von einem angepriesen Partei hat.

Vor diesem Hintergrund beschreitet der neue Präsident Dr. Ali Mohammed Shein (CCM) und sein (neuer) Kollege und Vizepräsident Seif Shariff Hamad (2005 hatte er noch das Wahl-Ergebnis angefochten) der CUF einen neuen Weg der sansibarischen Geschichte. Shein selber verkündete bei seiner Amtsantrittsrede, dass Zanzibar heute friedlich ist, " dieser Friede wurde uns gebracht durch die Verbrüderung zwischen unseren Parteien (CUF und CCM). Ich werde mich darum kümmern, dass dieser Geist erhalten bleibt [...] Die Herausforderungen vor uns sind enorm aber ich werde es schaffen wenn wir zusammenarbeiten und als Team arbeiten."

Shein bei seiner Amtsantrittsfeier im Amaan Stadium. Quelle:media.paran.com/


Bei der feierlichen Zeremonie im Amaan Fussball-Stadion in Zanzibar Town, jubelten sich darauf Anhänger beider großen Parteien zu während Dr. Shein die stolzen Reihen des Militärs abschritt und mit 21 Kanonen-Salutschüssen geehrt wurde. Die Innenstadt selbst wurde nach Verkündigung der Wahlergebnisse zu einem einzigen Festplatz. Überall auf den Straßen Richtung Stadt pilgerten grün-gelbe Anhänger der CCM ins Stadtzentrum um ihre Freude in den Massen auszuleben. In den Außenposten der CCM sogenannten "Tawis" (in etwa: Ast) , kleinen Parteizentren wummerten Musikboxen und ließen Menschen vor sich tanzen. Auch Anhänger der CUF waren in den Menschenmengen zu sichten wie sie zusammen mit Wählern der CCM feierten. Zanzibar in Hochstimmung.

Erblickt Zanzibar eine neue Epoche? Es scheint so! Während man auf dem tansanischen Festland prognostizierte das Zanzibar wieder in Gewalt untergehen würde, hat sich der Insel-Staat als souverän herausgestellt. Mit dem Volksentscheid zur Koalitionsbildung und dem friedlichen Ablauf der Wahl zeigt Zanzibar eine ganz neue Stärke die auch einen weiteren Schritt auf die von manchen angestrebte Unabhängigkeit vom tansanischen Festland darstellt. Auf dem Festland jedoch, hier gewann ebenfalls die CCM mit 62,8 Prozent, hat die dortige Oppositionspartei "Chadema" (Chama Cha Demokrasia na Maendeleo - Partei der Demokratie und des Fortschritts) die Wahlen aus verschiedenen Gründen als gefälscht erklärt und kämpft dagegen jetzt vor Gericht. Dies führte zu vereinzelten Zusammenstößen besonders in Mwanza am Viktoriasee wo Anhänger der Chadema und Sicherheitskräfte sich Kämpfe boten.

Fest steht, die Wahl ist  nicht nur ein Sieg der CCM (und auch der CUF) sondern ein Sieg, des sansibarischen Volkes das gezeigt hat, dass es bereit ist demokratische Wahlen anzuerkennen und den friedlichen Weg zu gehen. Hoffen wir, dass es dabei bleibt und die "riesige" Koalition, mit 99 Prozent aller Stimmen, gute Entscheidungen trifft in den nächsten 5 Jahren.

Sonntag, 31. Oktober 2010

Zanzibar wählt - Tanzania wählt

Zanzibaris stehen im Regen an um ihre Stimme abzugeben
Es ist 5:30 morgens. Mein Wecker klingelt und ich verfluche mich leise für das was ich mir heute vorgenommen habe. Es ist der 31. November 2010 - Das sansibarische und tansanische Volk wählt einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament. Für mich ist das ein Grund um 5: 30 aufzustehen und meinen Chef Saidi zur Wahl zu begleiten eine Chance die ich mir nicht entgehen lassen darf, ich meine wann hat man schon mal die Chance eine "demokratische" Wahl in Afrika miterleben zu können.

Ich stehe also auf trinke Tee und warte bis Saidi mich zu Hause abholt. Um 6:30 nur 30 Minuten nach dem ausgemachten Zeitpunkt (unglaublich pünktlich) biegt Saidis Kleinbuss um die Ecke. Wie gewohnt tummeln sich auf den Rücksitzen Saidis Kinder - zumindest zwei Ali und Hariya . Saidi und seine Frau sitzen vorne. Nach einer schnellen Begrüßung - za asubuhi ? Nzuri! - za nyumbani? Nzuri! - geht die Fahrt auch schon weiter.

Saidi ist in Stone Town gemeldet, weshalb er auch dort wählt außerdem meint er, dass es in Fuoni (wo wir wohnen) zu viele Anhänger der CCM gibt und er möchte, dass seine Stimme für die oppositionelle CUF auch gewinnt - in Shangani, einem Stadtteil von Stone Town, scheint dies eher der Fall zu sein.

Der Wahlkampf der sich nun über einen Monat hingezogen hat, hat seine Spuren hinterlassen. Auf der gesamten Strecke von Fuoni nach Stone Town hängen Plakate, sind Banner und Wimpel über die Straße gespannt und wehen Fahnen im Wind. Mal sieht man weiß, rot, blau (CUF)  mal gelb, grün(CCM). Ali und Hariya freuen sich über jedes Plakat das Dr.Shein den Präsidentschaftskandidaten der CUF abbildet. Auf die Frage für welche Partei sie denn seien, hört man ein klares "CUF" und "Seifi". Worauf Bimkubwa , Saidis Frau lachen muss. Ob sie aus Stolz lacht oder weil sie es genauso absurd findet wie ich, dass Kinder im Alter von rund 5 Jahren sich für eine politische Partei aussprechen, kann ich nicht sagen.

Auf halbem Weg fängt es an zu regnen. Die Regenzeit beginnt und schwemmt den alten Staub von der Straße und lässt die Natur aufblühen. Ob die heutige Wahl die seit 1964 zeitweise als Einheitspartei regierende Chama Cha Mapinduzi (CCM) davonschwemmen wird und eine stärkere Demokratie in Tanzania und Zanzibar erblühen lassen wird ist noch nicht klar. In Zanzibar zumindest sieht es für die Civic United Front (CUF) nicht schlecht aus bereits bei den letzten demokratischen Wahlen siegte die CCM in Zanzibar (1 Millionen Einwohner) mit nur ein paar hundert Stimmen. Es könnte eine historische Wahl werden für Tanzania und Zanzibar, auch deshalb weil es so aussieht, dass diese Wahl großteils friedlich verlaufen wird, ein Novum in der Geschichte Zanzibars, so kam es doch bei den letzten Malen zu heftigen Konflikten zwischen den Anhängern der jeweiligen Parteien.

Auf dem Weg in die Stadt ist alles friedlich und wenn man nicht genau hinsieht, dann fällt einem auch kein großer Unterschied auf. Doch an der großen Kreuzung am Busbahnhof Darajani, stehen zwei Pick Ups der Polizei daneben stehen auch rund 20 Beamte unter einem kleinen Dach unter und schützen sich vor dem Regen, der immer gnadenloser auf das alte Stone Town herabprasselt. In Shangani angekommen steigen Saidi und seine Frau Bimkubwa aus und gehen in ihr Wahllokal.Ich passe auf Ali und Hariya auf. Rund Zehn Minuten später kommt Saidi zurück und bringt seine Kinder zu deren Großmutter Biwahida.

Bleiben also nur Saidi und ich übrig. Zeit für ein paar Fragen. Und wenn hast du gewählt? Mit gespielt tiefer und donnernder Stimme verkündet er einem Gott gleicht "CUUUUF!". Wr lachen. Was denn die Farbe an seinen Fingern soll frage ich weiter. Saidi erklärt mir, dass man mit dem kleinen Finger und dem Zeigefinger, wie ein Verbrecher, auf seiner Wahlkarte Fingerabdrücke hinterlassen muss. EIn einfaches aber effektives System so kann nämlich überprüft werden, wer schon gewählt hat und wer nicht. Außerdem erklärt er mir, dass man sich registrieren lassen muss um zu wählen und dann bekommt man eine ID-Card ausgehändigt, die auf den ersten Blick aussieht wie ein (neuer) deutscher Führerschein. Auf der Karte sieht mich Saidi ernst an, er trägt eine Kofia, die traditionelle sansibarische Kopfbedeckung. Er erklärt mir, dass die Karte nur zum Wählen ist und keine normaler Ausweis ist. Ich gebe die Karte zurück und meine, dass das doch ziemlich teuer und aufwendig ist einen Ausweis nur zum Wählen zu haben, doch er meint dass dies nicht der Fall sei. Ich zucke die Achseln.

An einer anderen Ecke Stone Towns picken wir Saidis Schwester und eine ältere Dame auf. Saidi fährt sie zu einem anderen Wahllokal. Im prasselnden Regen stehen hier mehrere Menschenschlangen vor rund 5 kleinen Zelten die mit mehreren orangenen Plastikplanen die Wahlurnen und Wahlbögen sowie die Wahlhelfer vor Regen schützen sollen. Doch niemand, so scheint es, hat daran gedacht vor den Zelten im Anstellbereich für Regenschutz zu sorgen. Im donnernden Regen reihen Wahlhelfer, in neongelben Westen gehüllt, die Wähler in ordentlichen Reihen auf. Ein bisschen wie Schlachtvieh stehen diese Schlangen im Regen, doch das sind sie nicht. Tansania und Zanzibar erfreut sich einer starken Wahlbeteiligung und auch der Regen scheint niemand davon abzuhalten seine Stimme abzugeben. Nach rund 20 Minuten Wartezeit kommt seine Schwester und die alte Dame wieder. Verzweifelt versucht die alte Dame ihre Finger mit einem Stück Taschentuch von der blauen Farbe zu befreien, nach ein paar Minuten gibt sie auf und erlaubt mir ein Foto zumachen.

Nachdem wir seine Schwester und die Dame abgeliefert haben erklärt mir Saidi, dass seine Schwester CCM wählt. Ich denke darauf, dass es ja wohl nicht so schlimm werden kann mit den Konflikten zwischen CCM und CUF, wenn es Leute wie Saidi gibt die Anhänger der anderen Partei zur Wahl fahren. Das finde ich demokratisch und beieindruckt mich. Saidi sagt des Weiteren, dass jeder CCM wählen kann wer will aber er niemals!!!

Als nächstes hält Saidi wieder in Shangani und meint zu mir, dass er jetzt beten gehe und dass ich im Auto warten soll. Während Saidi um die Ecke Richtung Moschee verschwindet lässt der Regen langsam nach und immer mehr Menschen pilgern Richtung Wahllokal. Bald darauf kommen sie zurück und versuchen sich verzweifelt die Finger zu reinigen. Ein Mann sieht besonders sauer über seine blauen Hände aus und schmeißt sein Taschentuch verärgert in eine der vielen Pfützen. Neben mir parkt ein Auto der EU-Wahlkommission die als Wahlbeobachter im Land sind und deren Jeeps in den letzten Tagen immer häufiger im Stadtbild aufgetaucht sind. Bald darauf fährt auch ein sauber-blitzender weißer Jeep mit den blauen Buchstaben UN auf den Türen an mir vorbei. Die über zwei Meter lange Antenne am Kühlergrill verleiht im etwas majestätisches und protziges. Ebenfalls nicht viel später höre ich ein tiefes Brummen eines Motors. Ich drehe mich um und ein besonders großer Militärlastwagen in Olivgrün fährt auf mich zu. Auf seiner Ladefläche sitzen Soldaten mit AK-47 im Anschlag. Ihre Roten Baretts scheinen sie nicht wirklich vor Regen zu schützen. Sie schauen grießgrämig drein.

Nach einer Stunde kommt Saidi wieder vom Beten zurück und wir fahren wieder zurück nach Fuoni.Auf dem Weg frage ich ihn ob die CCM den jetzt gewinnen wird, wo er doch so lange gebetet hat. Er sagt darauf "I hope so" und ergänzt, dass jetzt nur noch Gott helfen kann. Also hoffen wir, dass diese Wahle eine demokratische und friedliche Wahl bleibt. In rund 4 Tagen wissen wir das Ergebnis. Mal sehen was herauskommt.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Erster Video-Clip ist im Netz

An alle die schon mal eine kleine Frucht unserer Arbeit hier auf Zanzibar probieren wollen, können sich hier einen Werbe-Trailer von mir für unserer Ukili-Museum und eine Workshop-Tour in Pete (Südliches Zanzibar) anschauen:

http://www.youtube.com/watch?v=VtDc1ZOcDaU

Dies ist außerdem das erste Video einer nun entstehenden Reihe, die über unser Projekt berichten soll und von der wir uns mehr Unterstützung und mehr Clients erhoffen. Wenn alles klappt und uns der Stress nicht über die Ohren wächst (bis zur Saison an Weihnachten ist sehr viel geplannt), dann gibt es hoffentlich circa jeden Monat oder alle zwei Monate einen kleinen Film. In dieser Hoffnung: Alles Gute aus Zanzibar.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Dala, Ochsenkarren, Roller und Co. - Der Verkehr Zanzibars

Auf der Straße herrscht das Recht des Stärkeren, so sollte wohl die erste Regel einer tansanischen Fahrschule lauten, wenn es denn solche überhaupt in der uns bekannten Form gibt. Zwar ist mir schon ein Toyota mit einem Zanzibar Police Driving School (oder so ähnlich) Schild auf dem Dach mit atemberaubender Langsamkeit an mir vorbeigeschlichen, doch denke ich, dass dies eher eine Fahrschule für Polizisten als für Zivilisten ist. Das zweite was man sich als Autofahrer in Tanzania/Zanzibar zu Herzen nehmen sollte ist, das hier Linksverkehr herrscht. Auch wenn das nicht immer ersichtlich ist. Die dritte Grundregel des hiesigen Verkehrs ist, das viel Platz auf dem Dach oder der Ladefläche ist. Die letzte ersichtliche Grundregel scheint zu sein Hupe, Hupe, Hupe.
Eine LKW auf dem Weg zu einer Wahlveranstaltung der CUF
 
Wir sind unterwegs mit dem Auto unseres Chefs, einem klapprigen Toyota Kleinbus mit 8 Sitzen zu unserer Arbeit nach dem ländlichen Pete. Hier sei erwähnt, dass es hier ein Monopol an Toyotas zu geben scheint, besonders beliebt sind Kleinbusse, die nötig sind um die großen Familien oder etwaige Touristen Zanzibars zu transportieren. Unsere Fahrt beginnt in Fuonis Viertel Maharibiko, hier steige ich ein, und wir fahren über holprige unbefestigte Straßen Richtung Hauptstraße. Hauptstraße ist im Grunde der falsche Ausdruck, da die Hauptstraße eine Hauptstraße ist, die ihren Namen im Grunde nicht verdient, da sie nicht die Haupt-Straße ist sondern die einzige befestigte Straße.

Hier tummeln sich alle möglichen Fahrzeuge die man sich nur vorstellen kann. In Fuoni fallen sofort die (Stadt-)Dalas auf , weiße Kleinbusse mit seitlicher Schiebetür die vom „Konda“ (Englisch: conductor ) sozusagen dem Schaffner geöffnet und meist auch wieder während der Fahrt geschlossen wird. Der Konda kassiert das Fahrgeld [250 TSH (ca. 12 Cent), Schüler: 100 TSH (5 Cent)] und lockt möglichst viel Kunden in sein Dala. Hier fällt mir noch eine kleine Anekdote ein: Als wir einmal mit Saidis Auto unterwegs waren, überholte ein Dala ein stehenden Dala und parkte sich ganz dreist vor ihn um dessen Kunden abzugreifen, worauf der Konda des ersten Dalas den Konda des zweiten verprügelte [Anm.: vielleicht haben sie sich auch wegen was anderem geprügelt, das nur meine Interpretation]. Am Ende Fuonis drehen die Stadt-Dalas die zwischen Stone Towns Busbahnhof Darajani und Fuoni hin und her pendeln, und fahren wieder zurück in die Stadt. Hinter diesem Turning Point also wartet das rurale Zanzibar.

Wir fahren weiter. Doch, stehen sogleich wieder, da am Ortsende Fuonis eine ständige Polizeikontrolle ist, die einen anhält und mit der man lächend zwei (mir unverständliche) Sätze wechselt und dann weiterfahren darf. Jetzt befinden wir uns auf dem Land. Palmen und große Bäume flankieren die Straße und bieten Schatten für kleine Lehm- oder Steinhütten-Siedlungen die sich eng an die Lebensader die Straße drängen, was da hinter im Busch liegt, kann ich bis jetzt nicht sagen. Hier auf der Teerstraße die natürlich keine Markierungen oder etwas ähnliches wie man aus Europa kennt, hat rasen alle so schnell sie können was meist 80 Km/h betrifft, doch auch schon mal 120 km/h sein kann und mir schon ziemlich viel Nerven abverlangt hat.

Hier trifft man, was den Öffentlichen Verkehr angeht nur noch die Überland-Dalas [1000 TSH- 1500 TSH (50-75 Cent)], die einem immer wieder ein Staunen abverlangen. Ein Überland-Dala hat ein Art „Käfig“ auf eine normale Kleinlastwagen-Ladefläche geschraubt, und hat auf je einer Seite zwei lange kleine Holzbänke zum sitzen/hocken. Normal passen hier bei relativ wenig Gequetsche, circa 20 Leute rein, wobei mein Rekord vom letzten Wochenende 31 + 8 Kinder ist, und das für zwei Stunden Fahrt nach Kizimkazi am Südzipfel Zanzibars. Was ihr jetzt vielleicht denkt ist, dass das doch voll gefährlich ist, und genau das scheint auch die Regierung gedacht zu haben, weshalb in einem Überland-Dala eigentlich alle sitzen müssen. Erwischt die Polizei, während einer ihrer vielen Kontrollen, einen Dala in dem Leute stehen (bzw. auf dem Boden knien, stehen geht nämlich gar nicht) dann muss gezahlt werden, ob dies jedoch eine reguläre Strafe ist, oder in der Hosentasche des Polizisten gemütlich zu ihm nach Hause wandert, sei dahin gestellt. Doch noch nicht genug vom „Dala des Todes“, hinten, überm Auspuff hat der Konda ein kleines Trittbrett auf dem er während der Fahrt steht und man 30 cm unter seinen Füßen den mit 80 km/h vorbeifliegenden Straßenbelag nur noch als graue Schliere erkennen kann. Auf dem Dach eines solchen Dalas sieht es aber noch lustiger aus. Hier wird alles transportiert, was man sich vorstellen kann. Beton-Bricks, riesige Holzbündel, Makuti (Palmwedel-Zeug zum Dachdecken), 3 000 Liter Politanks (Wasserspeicher) , Matratzen, Fahrräder, Säcke mit Kokosnüssen, Säcke mit Kartoffeln, Säcke mit Reis, Säcke mit Sand, Wasserflaschen, Pflanzenöl-Kanister und im Grunde alles was man sich nur vorstellen kann. Mir ist es ein Rätsel wie dort nichts herunterfällt, vor allem, da in den aller seltensten Fällen irgendetwas nur festgebunden wird. Besonders beeindruckend finde ich immer wieder, wenn einem ein Überland Dala schräg in der Kurve mit voller Geschwindigkeit entgegenkommt und mit einem zwei Meter Stapel an Feuerholz beladen ist – ein statisches Meisterwerk so scheint es.

Wir passieren die Universität Zanzibars und auf der gegenüberliegenden Seite das Weiße Haus (den so sieht es aus, nur klein) des Vizepremiers. Hier heißt es Vorsicht, denn es könnte ein Konvoi aus dem Sicherheits-Tor preschen, der sich mit mehreren laut heulenden Polizei-Jeeps am Anfang einer Limousine mit Staatsoberhäuptern und mindestens einem Militär-LKW am Ende gnadenlos den Weg durch Zanzibars Verkehrschaos bahnt. Auf dem Militärlaster stehen grimmige Soldaten mit Tarnkleidung und lächerlich großen Brillen gegen den Fahrtwind, die aus dem Zweiten-Weltkriegs-Inventar der britischen Royal Air Force zu stammen scheinen. Mit ihnen und ihren AK-47 ist nicht zu spaßen so heißt es das sie bei nur dem geringsten Zweifel sofort anfangen zu schießen. Sobald der sansibarische Verkehr der sich sonst doch durch nichts und niemand bändigen lässt und sich sonst chaotisch durch die Straßen schiebt den Hauch einer Sirene hört machen alle ob groß oder klein so schnell wie sie können, dass sie sich wie ein Spalier am Straßenrand aufreihen um der Regierung Platz zu machen.

Ich merke schon, ich schweife aus. Wir fahren also weiter und passieren etliche Kühe und Ziegen die gemütlich im Straßengraben weiden, wir überholen alle Altersklassen die auf indischen Ein-Gang-Fahrrädern schnell hinter und werden selbst von (neuen und sauberen) Toyota- Hotel-Kleinbussen überholt die ihre Hotelgäste, so scheint es, möglichst kurz mit der afrikanischen Realität rechts und links des Straßengrabens konfrontieren wollen um sie dann am nächsten weißen Strand abzuladen.

Nach der Kreuzung in Tunguu biegen wir nach rechts und nach Süden ab. Bald darauf fahren wir in eine wunderschöne Allee mit knorrigen Mango-Bäumen, die so heißt es von einer arabischen Prinzessin gepflanzt worden sein soll, ein Baum für einen Liebhaber. Bei von mir gezählten 365 Bäumen scheint diese Dame ein ganz erfülltes Leben gehabt zu haben. Im Schatten der Mango-Bäume (bin gespannt drauf wenn die Früchte reif sind und auf die Straße klatschen =D) lauert die nächste Polizeikontrolle. Die Straße ist mit 5 verbogenen, rostigen Ölfässern denen gnädiger weise jemand einen offizielleren schwarz-weißen Anstrich verpasst hat, versperrt. Wir halten, scherzen mit den Polizisten die Saidi schon zu kennen scheinen und man räumt die mittlere Tonne aus dem Weg und lässt uns passieren. Ein Polizist mit, nahezu obligatorischem Oberlippenbärtchen winkt uns auf seinem Roller sitzend nach.

Hier sei ein weiteres beliebtes Fortbewegungsmittel erwähnt: Der Roller. Klein schnell und gefährlich passt er wie die Faust aufs Auge in den sansibarischen Straßenverkehr. Durch die engen Gassen Stone Towns flitzen jene Roller mit lautem Hupen und 30 km/h (ohne Spaß!) durch die zwei Meter breiten Gassen, vor jeder Hausecke wird laut gehupt und dann ohne Rücksicht auf Verluste um die nicht einsehbare Ecke gerast. Meine Reise auf dem Roller meines Chefs durch die Innenstadt zu einem Geschäftspartner hat meine Nerven nahezu abkratzen lassen. Außerdem sitzen die Frauen in ihren Langen Schleiern, Burkas und Röcken im Damensitz hinter ihrem Mann der sich durch den Verkehr schlängelt.

Ich schweife ab. Schon wieder! Aber nur weil Saidi das Auto neben einem wackligen Holzstand der schrumpelige Tomaten und anderes Gemüse und Früchte anbietet gestoppt hat und aus dem Fenster heraus (Saidi steigt nie aus! Was wahrscheinlich seiner enormen Leibesfülle zu zuschreiben ist) einem Verkäufer seine Einkaufsliste fürs Mittagessen in Pete diktiert. Solche Stopps passieren außer dem pro Fahrt mindestens fünf Mal.

Wieder unterwegs begegnen wir besonders viel Kraftverkehr, da irgendwo südlich so scheint es ein neues Hotel gebaut werden soll. Große, bullige Lastwagen die so groß sind, das sie ganze Schiffscontainer transportieren können flößen einem Respekt ein, besonders wenn sie, wie so oft, ihr tiefe, ohrenbetäubende Trompete posaunen lassen, die wie ein Kriegsaufruf über all die Verkehrsgeräusche hinweg donnert und gleich für einen Korridor im dichten Straßengewimmel sorgt. Doch auf dem Land, wo wir uns ja gerade befinden, brauchen die Lastwägen nicht zu hupen, da ihre stampfenden Motoren schon lange bevor sie um die Kurve brausen, von ihrem Sturmangriff warnen. Die kleinen Lastwägen, die die Größe eines Ü-Dalas haben, sind, wenn die Ladefläche nicht mit Waren voll gestopft ist meist mit Menschen vollgestopft, die entweder eine Großfamilie sind und auf dem Weg zur nächsten Familienfeier sind oder laute Anhänger einer Partei die sich auf dem Weg zur nächsten Wahlveranstaltung befinden. Meist steht eine Person auf der Ladefläche mit seinen weitgespreizten Händen auf dem Führerhäuschen und blickt nach Vorne wie ein Matrose im Ausguck der den Horizont nach Neuland absucht.

Langsam erreichen wir nach rund einer halben Stunde Pete. Hier hat niemand ein Auto, dafür aber manche einen Ochsenkarren, die aus Holz bestehen und zwei Autoreifen an ihrem Unterboden befestigt haben. Meist steht der Fahrer auf der wippenden Karosserie des Wagens und treibt seine Rind mit kleinen Rutenschlägen auf höhere Geschwindigkeiten. Wie er da so steht und im Staub der Straße voranprescht erinnert er an Ben Hur und seine Kollegen die im Staub eines Hippodroms ein Wagenrennen veranstalten, nur das hier alle Fahrzeugklassen gegeneinander antreten. Fahrrad gegen Ochsenkarren, Roller gegen Moped, Auto gegen Hotelauto, Dala gegen Überland-Dala, Kleinlaster gegen Großlaster. Und die Polizei und die Regierungseskorten, wie es sich für eine Demokratie ziemt gegen alle!